Der Zauberer von AR

Peter Kolski von BetaRoom in Berlin hat zwei der bis dato beeindruckendsten Augmented Reality-Apps geschaffen. Im Apfelfunk-Gespräch erzählt er, was ihn an AR fasziniert, wie die Apps entstanden, welche Rolle ARKit von Apple spielt und wie es war, als ihn Tim Cook in Berlin besuchte. 

Peter Kolski ist von Beruf Realitätserweiterer. Er und sein zehnköpfiges Team der Firma BetaRoom zaubern die Berliner Mauer, den Pariser Platz im Jahre 1945 und einiges mehr in Wohnzimmer auf der ganzen Welt. Man muss dazu nur ein iPhone oder iPad besitzen, die kostenlosen Apps laden und die Reise in die deutsche Geschichte kann beginnen.

Wer noch Zweifel hat, ob Augmented Reality ein Thema mit Zukunft ist, muss sich nur diese moderne Form der Geschichtsvermittlung ansehen. Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, ist die Anwendung der erweiterten Realität besonders wertvoll: Man kann sich die Fahrt ins Museum, die einige Zeit gar nicht möglich war, getrost sparen. Und selbst Interessierte aus fernen Ländern können sich die Apps laden. AR führt die Digitalisierung in die dritte Dimension.

Im Gespräch mit dem Apfelfunk erzählt Peter Kolski, wie er zu AR kam, über die Entstehung der Apps MauAR und Augmented Berlin und über seine Begegnung mit Tim Cook, der ihn Ende 2018 in Berlin besuchte, um sich MauAR vor Ort anzusehen. Hier gibt es das Video dazu. Außerdem geben wir noch ein paar Tipps für sehenswerte AR-Apps und Spiele.

Der Reiz der Augmented Reality

Peter, worin liegt für Dich der besondere Reiz in Augmented Reality (AR)?

Augmented Reality fasziniert mich – wie der Name schon sagt – wegen der Erweiterung der Realität. Man hat mehr Informationen von der Umgebung. Für mich im Speziellen hat es den Durchbruch geschafft, weil ich damit die Bedeutung der Umgebung erklären kann. Die Geschichten führen dazu, dass man Technologie benutzt und seine normale Realität verändert wahrnimmt. Ich kann mittels AR die Berliner Mauer wieder aufgebaut sehen. Auch ohne Technik bleibt hinterher das Gefühl da, dass dort mal etwas anderes stand. Das ist eine sehr faszinierende Art, Technologie zu benutzen. 

Auch ohne Technik bleibt hinterher das Gefühl da, dass dort mal etwas anderes stand.

Peter Kolski, CEO von BetaRoom

Wie kam es zu Deinen AR-Apps MauAR und Augmented Berlin?

Es gab mehrere Wege dort hin. Zunächst zu MauAR: Ich hatte nach etwas gesucht, was man mit AR sinnvoll anstellen kann. Zum anderen bin ich Berliner, der die Geschichte miterlebt hat und der das den Leuten auch gerne erzählt, wie sich die Stadt verändert hat. Dann habe ich herausgefunden, dass AR die perfekte Fusion von beidem ist: Ich kann Geschichte damit nachfühlbar machen und Technologie benutzen. Dann  habe ich einen Vortrag von jemandem von der Stiftung Berliner Mauer gesehen und dachte mir: Das ist genau das Thema, was wir machen müssen. 

Jetzt zu 75 Jahren Kriegsende haben wir mit Augmented Berlin auch überlegt, wie wir das umsetzen können. Zum einen, um das Gefühl zu vermitteln, wie es ist, in einer zerbombten Stadt zu stehen. Zum anderen ist da die Corona-Situation, in der man nicht vor Ort sein kann. Deshalb wollten wir es für zuhause erlebbar machen, dass man es zum Beispiel auch den Kindern zeigen kann.

In Augmented Berlin startet man in der mehrteiligen Geschichte auf dem Pariser Platz im Jahre 1945. Nach kurzem Kalibrieren zaubert das iPhone oder iPad ein großes Modell in das Kamerabild auf dem Bildschirm. Per Bewegung kann sich der Nutzer durch diese Szene bewegen, kann sich die immensen Zerstörungen genauer ansehen, die etwa am Brandenburger Tor oder am Hotel Adlon entstanden sind. Musikalisch untermalt, erzählen professionelle Sprecher die Geschichte.

Die Schäden an den Gebäuden, so erklärt uns Peter Kolski, habe man anhand von historischen Bildern möglichst originalgetreu nachempfunden. Erst habe man den Pariser Platz im Aussehen der 1930-er Jahren aufgebaut, um dann für die späteren Jahre die Schäden einzubauen. „Es ist schwer gewesen, aber es ist wirklich historisch korrekt“, sagt Kolski.

Das Team bei BetaRoom vereint deshalb verschiedene Talente. „Nur“ zwei sind Programmierer. Das Gros beschäftigt sich mit den Geschichten, die erzählt werden, recherchiert und modelliert in 3D. Die Apps, so betont Peter Skolski, seien kein alleiniger „Showcase der Technologie“, sondern die Technologie ist das Mittel zum Zweck, um die Geschichten zu erzählen – in Augmented Berlin sind es in der ersten Episode die Erinnerungen zweier Überlebender des Zweiten Weltkrieges.

Mit Augmented Berlin kann man sich den Pariser Platz im Jahre 1945 ins Wohnzimmer holen

So gelingt der Einstieg

Apple hat sich bekanntlich AR als großes Thema auf die Fahnen geschrieben. Die Programmierschnittstelle ARKit ist schon seit Jahren ein Dauerthema und liegt mittlerweile in Version 3.5 vor. Kaum ein Thema, das so oft in Keynotes wiederkehrt und eine solche Entwicklungskurve nimmt. Kein Wunder, dass längst viele spekulieren, dass auf die Software in den nächsten Jahren auch ein Hardware-Produkt folgen könnten. Dazu die Frage an Peter:

Wie einfach oder schwer ist die Arbeit mit ARKit denn in Wirklichkeit?

ARKit finde ich an sich nicht so schwer. Man muss das natürlich mit den 3D-Modellen verstehen. Die Programmierumgebung ist sehr gut gemacht. Man kann damit schnell Ergebnisse erzielen. Was wir gemacht haben, ist natürlich umfangreicher. Es ist ein extrem komplexes Projekt mit Geolokalisierung, wir haben dafür Interviews geführt und Geschichten gebastelt. Das war sehr zeitaufwändig. (…) Was erst bei MauAR auch sehr viel Zeit gekostet hat, war die Frage: Wie erzählt man überhaupt eine Geschichte mit Augmented Reality? Das gibt es ja noch gar nicht so lange in der Form. Insofern mussten wir da erst Antworten finden. Das hat viel Zeit gekostet. 

Wie erzählt man überhaupt eine Geschichte mit Augmented Reality?

Peter Kolski

Gefragt nach der Zeit, die sein Team für die Apps investiert hat, beziffert Peter den Aufwand für MauAR auf zwei Jahre. Augmented Berlin profitierte immens von den gesammelten Erfahrungen, der Technologie und dem Programmcode. Die erste Episode brauchte ungefähr zwei Monate. Natürlich entwickelt sich parallel auch die Technik immer weiter. Apple geht mit ARKit auf die Wünsche von Entwicklern ein, versucht die Werkzeuge attraktiver zu machen, damit sie mehr Entwickler nutzen.

Findest Du, dass mit AR schon genug gearbeitet wird?

Ich denke, da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben. In den ersten eineinhalb Jahren haben viele etwas ausprobiert. Natürlich war ARKIt da noch nicht komplett fertig. Jetzt habe ich das Gefühl, dass es etwas abgeflacht ist. Die Experimentierphase ist bei vielen vorbei. Ich habe aber das Gefühl, dass viele noch nicht wissen, wofür man AR einsetzen kann. Klar, man kann und sollte nicht alles damit machen. Aber wenn man verstanden hat, was die Magie dabei ist, wo es nützlich sein kann, dann wird sicher noch eine Explosion der Apps kommen. Es gibt ja auch Gerüchte, dass eine Brille kommt. 

Wäre spezielle AR-Hardware ein Helfer für den Durchbruch von AR?

Auf jeden Fall. Aber was wir heute haben,  erfüllt schon jetzt sein Ziel, dass man mit dem iPhone und iPad arbeiten kann. Auch mit dem kleinen Display kann man erreichen, dass man beim Ansehen denkt, dass etwas vor oder hinter einem steht. Aber man will halt nicht zehn Minuten oder länger sein Handy hochhalten und herumlaufen. Wenn das AR-Erlebnis kurz ist, geht es ganz gut. Sobald man aber eines Tages wirklich die Möglichkeit hat, durch die Straßen zu laufen, dann wird das die Leichtigkeit deutlich erhöhen. Und auch die Immersivität – das Gefühl, dass ein Objekt wirklich da ist.

Wer beim Anblick Feuer gefangen hat und selbst in das Erstellen von AR-Projekten einsteigen möchte. Welche Tools sollte er oder sie einsetzen?

Es ist inzwischen ziemlich einfach geworden. Wenn man nur für Apple Geräte entwickelt, gibt es den Reality Composer. Damit kann man auf dem iPad zum Beispiel ein paar 3D-Modelle zusammenstecken und Interaktion per Drag und Drop erzeugen. Das kann man exportieren und jemandem per Handy schicken. Da ist die Schwelle extrem niedrig. Wir arbeiten komplexer. Wir haben Leute, die die 3D-Modelle erstellen, es gibt Programmierer, die mit Swift und Swift UI arbeiten. Apple hat aber die Einstiegshürde sehr niedrig gesetzt, damit man schnell erstmal etwas ausprobieren kann.

Was ist der Vorteil von AR gegenüber Virtual Reality (VR)?

VR ist auch eine faszinierende Technik. Die hat sicher ihre Anwendungsbereiche. Man taucht dort wirklich in eine komplett andere Welt ein. Man ist zum Beispiel plötzlich auf dem Mond. Aber es hat trotzdem einige eklatante Nachteile. Man taucht zwar ein, fühlt sich aber auch etwas unsicher. Denn man weiß ja trotzdem, dass man in Wirklichkeit in einem Zimmer steht, dass ich aber in dem Moment nicht sehe. Und wenn ich dann gegen eine Wand laufe, ist es kein schönes Erlebnis. Es gibt außerdem die Motion Sickness, wenn ich den Helm zu lange aufsetze. 

Besuch von Tim Cook

Im Oktober 2018 bekam Peter Kolski prominenten Besuch. Apple-Chef Tim Cook besuchte Start-Up-Unternehmen in Europa, darunter auch BetaRoom. Vor dem Brandenburger Tor ließ er sich von Kolski die MauAR-App demonstrieren.

Wie war das, Tim Cook zu treffen?

Es war ein sehr besonderer Moment, der auch sehr überraschend kam. Was ich sehr beeindruckend fand: Tim Cook ist ein sehr angenehmer Mensch. Das ist ein Chef, so wie man sich ihn wünscht. Jemand, der zuhört, versteht, mitdenkt. Was mich auch im Nachhinein beeindruckt hat, war, was er für ein Mensch ist. Er ist nicht nur ein Chef von einer Firma, sondern er will die Welt wirklich etwas besser machen. Das finde ich sehr beeindruckend. Das hat mich auch inspiriert. 

Für Kolski war der Besuch von Cook aber noch in anderer Hinsicht ein Erlebnis: Es zeigte ihm, „dass alles möglich ist“: „Ich kann mir Programmieren selbst beibringen. Und wenn es einen fasziniert und man sein Bestes gibt, es mit Liebe macht, dann kann man auch auch einen der wichtigsten Technologieführer  der Welt treffen.“

Wie geht es weiter?

Was Peter Kolski mit Apple teilt, ist die Verschwiegenheit, wenn es um Zukunftsprojekte geht. Natürlich habe er einiges in der Pipeline. „Wir haben natürlich noch meh Ideen – auch verrückte Ideen, wo wir ganz neue Sachen ausprobieren“, lässt er durchblicken.

Zumindest eines lässt er uns aber wissen: In Augmented Berlin wird es noch weitere neue Erlebnisse geben, etwa zu weiteren Jahrestagen. „Das ist nicht nur eine App, sondern eine Plattform.“ Peter Kolski und BetaRoom werden also weiter unseren Horizont und unsere Realität erweitern. Seien wir gespannt, womit.

App Store: Augmented Berlin (für iOS), kostenlos
App Store: MauAR (für iOS), kostenlos

Einige Tipps für AR Apps und Spiele

Lust auf mehr Augmented Reality? Hier noch einige Tipps:

AR-Games:

Geschrieben von
Malte
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